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Nr. 329.01.2006
Ausgezeichnete Arbeiten und Jurybegründung

Januar 2006

Preis der Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie 2006
Sonderpreis „Mode und Marke“

Ausgezeichnete Arbeiten und Jurybegründung

1. Preis: Bianca Koczan
„Bekleidungswerk“

Diplom 2005 Burg Giebichenstein – Hochschule für Kunst und Design Halle – Modedesign Preis: 3.000 Euro, sechsmonatiges dotiertes Praktikum bei René Lezard
bianca.koczan@gmx.de
www.burg-halle.de

„Bekleidungswerk“ thematisiert Blaumänner als Tracht des sozialistischen Arbeitermilieus. Entworfen wurden ein Geschäftsmodell mit einer verantwortungsvollen Produktion in Ostdeutschland, interdisziplinäre Arbeitsstrukturen sowie eine dreigeteilte Kollektion für Frauen und Männer. Die authentische Prêt-à-porter teilt sich in „Grau“ (subtile Basics mit intellektuellen Charakter welche den Bedingungen einer profitablen Herstellung Rechnung tragen und Raum für individuelle Veränderungen lassen), „Print“ als verspielter und plakativer Kontrapunkt sowie eine Taschen- und Kopftuchkollektion. Eine bodenständige Bekleidung die geformt ist durch ein darunter liegendes umfangreiches Konzept, welches als Zeitung, Erlebtes reflektiert und das System der Mode hinterfragt. Ein ironisches Manifest.

Jurybegründung
Bianca Koczan wird mit großem Abstand der 1. Preis zugesprochen. Ihre Diplomarbeit „Bekleidungswerk“ erfüllt in idealer Weise die Zielsetzung der Ausschreibung. Der Ausgangspunkt „Arbeit“, eines der drängendsten Probleme unserer Zeit, wurde klug und strategisch gewählt. Schon die dreigeteilte Kollektion überzeugt. Die scheinbare Einfachheit des Typus Arbeitskleidung wurde intelligent und ironisch gebrochen. So entstand eine vielfältige aber stringente Kollektion die reich an Bezügen ist. Das Vokabular der Mode wird nicht nur souverän beherrscht, sondern mit eigenem und neuem Akzent gesprochen. Die technische und gestalterische Umsetzung ist von hoher Professionalität und Perfektion. Lobenswert ist die in diesem Umfang selten anzutreffende interdisziplinäre Arbeit mit Textil-, Accessoires-, Grafik- und Fotodesignern, ohne die Verantwortung für das Ergebnis aus der Hand zu geben. Die Arbeit ist ferner außerordentlich, da in der als Zeitung dokumentierten Konzeption die strukturellen Veränderungen in der Mode klug analysiert und diskutiert werden.

Das Konzept ist tief greifend, schlüssig sowie an- und aufregend und zeigt die seltene aber dringend benötige Doppelbegabung einer visuellen und verbalen Ausdruckskraft. Bianca Koczan bewahrt bei der Suche nach ihrer subjektiver Wahrheit immer das notwendige Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung und Interpretation. Sie kämpft mit ihrer Arbeit gegen die verbreitete Sehnsucht nach Geborgenheit indem sie dem Bedürfnis nach Kontinuität, Ehrlichkeit und Tradition eine kraftvolle Identität des Echten, Originalen und der Transparenz gegenüber stellt. Aus dieser nur scheinbar naiven Bodenständigkeit erwächst Zukunft für eine arg gebeutelte und oftmals hysterische und elitäre Modebranche. Folgerichtig entwarf Bianca Koczan zugleich ein Geschäftsmodell für die eigene Zukunft, welches Produktion, Kommunikation und Distribution berücksichtigt. Diese komplexe Arbeit entstand, weil Bianca Koczan die Menschen nicht nur erreichen, sondern auch bewegen möchte. In dem sie „den Menschen etwas zeigen [will], mit dem sie sich identifizieren können“, folgt sie bewusst Joseph Beuys. Bianca Koczan missversteht Gestaltung nicht wie so oft als vordergründige Veränderung, sondern als Ausdruck ihrer Ethik und Strategie. Diese ausgeprägte und begründete Haltung formt die komplexe Codierung der Produkte. Bianca Koczan steht damit in der Tradition der Moderne, in der Design nicht alleine als ästhetischer Ausdruck, sondern immer auch als Mittel sozialer, ökonomischer und ökologischer Veränderung verstanden wurde. Sie zeigt damit ein komplexes und sehr modernes Verständnis von Mode.

All dies ist möglich, da Bianca Koczan selbstbewusst und bodenständig arbeitet statt auf eitle Selbstdarstellung zu zielen. Dieses Werk ist praxisnah und innovativ, interdisziplinär, vielfältig und kraftvoll sowie auf hohem internationalem Niveau: genauso, wie sich erfolgsversprechendes Arbeiten heute definiert. Bianca Koczan ist dabei nicht auf den in dieser Arbeit gezeigten Stil festgelegt, sondern zeigt das Potential, sich immer wieder neue Zugänge zu erarbeiten.
Jurymitglied Joachim Schirrmacher, Journalist und Design-Manager

2. Preis: Madeleine Einhoff
„Auf der Suche nach Geborgenheit“
Diplom 2005
Universität der Künste Berlin
Preis: 1.500 Euro
lenieinhoff@gmx.de
www.udk-berlin.de

Der Babyboom im Ost-Berliner Szeneviertel „Prenzlauer Berg“ ist Ausgangspunkt der Arbeit, die sich der Geborgenheit widmet, welche die Menschen in wirtschaftlich und politisch unsicheren Zeiten in der Familie suchen. Eine Reaktionen, die mit dem Rückzug in die Familie im Biedermeier vergleichbar ist. Die Frauen- und Männer-Kollektion greift diese Sehnsucht atmosphärisch auf. Hautenge Kleider vermitteln dem Träger das Gefühl einer Schutzhülle. Voluminöse Kleider aus weichen und warmen Materialien bieten die Möglichkeit sich in den Kleidungsstücken zu verstecken. Dekorative Elemente schaffen die Verbindung zum Biedermeier.

Jurybegründung
Die sich nicht aufdrängende Themenwahl überzeugt aufgrund der Aktualität und ist unaufgeregt modern. Die durchgängige reduzierte Handschrift vermittelt das gewählte Thema mit einem warmen, natürlichen Look. Die Kollektion ist professionell aufgebaut. Entstanden ist so eine Welt, welches das Potential hat zu einer Marke ausgebaut zu werden, ohne in Klischees wie „Wellness“ abzudriften. Das sehr perfekte und gut argumentierte Konzept sowie die ebenso gut durchgearbeitete Kollektion polarisierte die Jury. Dem für eine Diplomarbeit ungewöhnlich reifen Entwurf stand der Wunsch nach mehr gestalterischer Eigenständigkeit entgegen.
Jurymitglied Marcel Herrig, Unicut Design Office/IDEAS

2. Preis: Cornelia Ohlendorf
„Watzmann – Homerum“

Diplom 2005 Burg Giebichenstein – Hochschule für Kunst und Design Halle – Modedesign
Preis: 1.500 Euro
c.ohlendorf@gmx.de
www.burg-halle.de

Das farbenfrohe heitere und dunkle bedrohliche der Schwarzwälder Tracht wurde in eine 20teilige Kollektion für junge, urbane Männer übertragen. Wesentliches Stilmerkmal sind transformierte Heimatmotive in plakativen Ink- und Siebdrucken. So wird die erneuerte Tracht wieder auf die Straßen gebracht und zum Leben erweckt. Der Name, „Watzmann“, steht für die nicht aufhörende Sehnsucht nach einer idealisierten Natur und einer verloren gegangenen Identität. Statt seine Identität bei Marken zu suchen, ermuntert die experimentelle Arbeit dazu zu seinen eigenen Wurzeln zu stehen.

Jurybegründung
Das gewählte Thema – urbane Sportarten und Schwarzwald – wurde frisch und in sich stimmig umgesetzt. Die Passformen sind hervorragend, die Heimatmotive nicht beliebig, sondern klug für die Zielgruppe übersetzt. Es ist eine der seltenen Arbeiten welches ein Thema spielerisch umsetzt und zugleich den professionellen Fokus des strengen Konzeptes bewahrt. Jurymitglied Ulrike Proß, Marketing The North Face

3. Preis:
Daniel Gafner, Isabelle Hauser, Benjamin Matzek „Pioniergeist“
Fachhochschule Aargau, Schweiz Industrial Design/Medienkunst Preis: 1.000 Euro, ein sechsmonatiges dotiertes Praktikum bei Schöffel dgafner@gmx.ch
www.fhnw.ch

Alpine Pioniere ebneten im 18. Jahrhundert die Wege der Schweizer Bergwelt. Eine umfangreiche Recherche der damaligen Ausstattung untersuchte deren textile Muster, Materialien, Schnitte und Detaillösungen. Durch das Zusammenführen dieser alten, zum Teil in Vergessenheit geratenen Textilien und Schnitte mit aktuellen Materialien und modernen Herstellungsverfahren, entstand eine neue Form von Funktionsbekleidung für Frauen und Männer. Auch die edle, funktionstüchtige Konzept-Kollektion ist eine Pionierleistung, denn sie wurde entworfen von zwei Industrial- und einem Mediendesigner.

Jurybegründung
Die Studierenden haben viel gewagt. Angeregt durch erste Erfahrungen im Modebereich währen eines Gastsemester haben zwei Studierende des Industrie-Designs und ein Student des Mediendesigns den Mut gehabt gegen 109 Arbeiten von Modedesignern anzutreten. Sie werden somit dem Titel ihrer Arbeit „Pioniergeist“ im doppelten Sinne gerecht. Sie haben mit ihrer experimentellen aber tragbaren Konzept-Kollektion gesiegt, weil sie mit Neugier und präziser Wahrnehmung sowie einer hohen gestalterischen Eigenständigkeit bestehende Grenzen zwischen Tradition und Zukunft, Funktionsbekleidung und Mode verschoben haben. Entstanden ist ein ausgesprochen konsistentes Werk von der Dokumentation bis zu Kollektion. Die Komplexität des Themas, der Recherche und der Bearbeitung sind herausragend. All dies wurde mit hohem Engagement neben der bestehenden Arbeit an der Hochschule geschaffen.
Jurymitglied Ingrid Obhof, Co.X Fashion Network

Das hohe Engagement der Studierenden und das überzeugende Konzept wurde von der Schoeller Textil AG mit kostenlosem Material und einen finanziellen Zuschuss zur Realisierung der Modelle honoriert.
www.schoeller-textiles.com

Anerkennung Sonderpreis Mode und Marke
Anja Hasenstein „Piquenique“
Fachhochschule Mainz – Gestaltung/ Kommunikations-design
ahasenstein@gmx.de
www.fh-mainz.de
Preis: 500 Euro

Ein Picknick im Park ist etwas Privates, welches man in der Öffentlichkeit genießt. Das „Private in der Öffentlichkeit“ ist ein Anliegen der Mode und so auch das Thema dieser in Prag experimentell und empirisch entstandenen „sprechenden“ T-Shirt-Marke. Basis sind schlichte weiße T-Shirts. Austauschbare Klettstreifen ermöglichen eine vorgebende Aussage individuell zu ergänzen und tragen so humorvoll etwas Privates wie „Today is – my birthday“ in den öffentlichen Raum. Um viele Menschen gerade in Metropolen wie Prag, anzusprechen, sind alle Aussagen in Englisch. Typografie, Farben, Logo, Katalog, Laden und Schaufenster sind Teil der Konzeption.

Jurybegründung
Die Ausarbeitung und Positionierung der Marke „Piquenique“ geht, anders als bei anderen Einreichungen für diesen Sonderpreis, deutlich über ein Corporate Design hinaus. Anja Hasenstein hat verstanden was eine Marke ist und leisten soll. So zeigt das Konzept was die Marke will und wo sie her kommt und bietet das Potential für Variationen. Zudem ist das Ergebnis weitgehend konform mit dem Konzept. Auch wenn dies mit Abstand die beste Einreichung zum Sonderpreis „Mode und Marke“ ist, hält die Qualität und Komplexität der Arbeit jedoch den Vergleich mit den ausgezeichneten Werken zum Thema „Lokal – Global“ nicht stand.
Jurymitglied, Reinhard Binder, Creative Director, Interbrand Zintzmeyer & Lux.

Medienkontakt:
Gunther Bauer
Manager Marketing und Kommunikation Konsumgüter
Messe München GmbH
gunther.bauer@messe-muenchen.de
Tel.: (+49 89) 949 20 610

Joachim Schirrmacher
Vorsitzender des Beirates
Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie  mail@joachim-schirrmacher.de 
Tel.: (+49 40) 253 18 860

 

Interview

 
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